{"id":852,"date":"2008-07-13T01:09:04","date_gmt":"2008-07-12T23:09:04","guid":{"rendered":"http:\/\/arf1.de\/wordpress\/?p=852"},"modified":"2008-07-13T01:09:04","modified_gmt":"2008-07-12T23:09:04","slug":"kein-schoener-abschied-von-bolivien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arf1.de\/wordpress\/?p=852","title":{"rendered":"Kein schoener Abschied von Bolivien"},"content":{"rendered":"<p>Heute muss ich mir erst mal den Frust von der Seele schreiben. Ueber die Zeit zwischen Coroico und Copacabana werde ich ein anderes Mal berichten. Wer Tiere mag und sich nicht den Tag versauen will, liest am\u00c2\u00a0besten gar nicht erst weiter.<!--more--><\/p>\n<p>Ich bin zur Zeit am Titicacasee im bolivianischen Ort Copacabana. Heute nachmittag wollte ich eigentlich nach Puno in Peru fahren. Mittags bin ich nochmals runter Richtung Strand gelaufen um vorher zu Mittag zu essen. Auf der Strasse kam mir ein verletzter Hund entgegen. Die Vorderbeine ueber und ueber mit Blut. Aus der groessten der Wunden am rechten Vorderbein spritzte sogar Blut,\u00c2\u00a0ein richtiger Strahl, der im hohen Bogen herausschoss. Spaeter habe ich erfahren, dass ein Auto den Strassenhund angefahren hatte. Der Autofahrer ist natuerlich einfach\u00c2\u00a0weggefahren.<\/p>\n<p>Ich habe also angefangen, mich um den verletzten Hund zu kuemmern, dabei haben mir zwei Ordensschwestern geholfen, die zufaellig auch an Ort und Stelle waren. Eine kommt urspruenglich aus Deutschland, lebt und arbeitet aber schon seit 20 Jahren in La Paz. Das\u00c2\u00a0was sehr hilfreich, da ich so jemanden hatte, mit dem ich auf Deutsch sprechen konnte und der fliessend Spanisch konnte.<\/p>\n<p>Zunaechst habe ich dem Hund die offene Wunde mit einem Taschentuch zugehalten, um den Blutverlust zu stoppen. Die Schwestern haben Stoff in Form eines alten T-Shirts von einer Ladenbesitzerin bekommen und damit haben wir beide Beine notduerftig verbunden. Ich habe angeboten, den Tierarzt fuer den Hund zu bezahlen, damit ihm geholfen werden kann. In der Tat gibt es sogar einen in Copacabana. Nun mussten wir mit dem verletzten und vor Blut triefenden Hund aber erst mal dort hinkommen.<\/p>\n<p>Um mich nicht voellig einzusauen und die Chancen zu erhoehen, dass uns ein Taxi mitnimmt, habe ich nach einer grossen Plastiktuete gefragt und von der Ladenbesitzerin auch eine bekommen. In die haben wir dann die Vorderbeine des Hundes gesteckt und ich habe ihn die Strasse hoch getragen, bis wir ein Taxi gefunden haben. Beim Tierarzt hatten wir erst mal Glueck, wir haben das Haus recht schnell gefunden und er war sogar da. Das war aber auch das letzte Positive, das geschehen sollte.<\/p>\n<p>Zunaechst muss man mal die deutsche Vorstellung von Tierarzt hinter sich lassen. Da gibt es keine Tierarztpraxis oder so was. Und ob der Tierarzt wirklich Tiermedizin studiert hat, steht in den Sternen. Der Hund wurde also im Hof vom Tierarzt untersucht. Das traurige Ergebnis: der Tierarzt konnte ihm auch nicht helfen. Am rechten Bein war eine grosse (mindestens 15cm lang und mehrere cm breit) und tiefe Wunde und die Vene (oder Arterie, was weiss ich), aus der, wenn man den &#8220;Verband&#8221; abnahm, nach wie vor das Blut spritzte (woertlich, nicht bildlich)\u00c2\u00a0war auf langer Strecke voellig durchtrennt.<\/p>\n<p>Nun bin ich kein (Tier)mediziner, aber ich glaube, in Deutschland haette dem Hund geholfen werden koennen. (Kann da jemand auf Basis meiner Beschreibung der Verletzung halbwegs qualifiziert Stellung zu nehmen? Vielleicht einfach mal beim naehsten Tierarztbesuch danach fragen? Ich wuerde einfach gerne wissen, ob\/was haette getan werden koennen\/muessen.) Aber hier in Bolivien sind zum einen der Stellenwert eines Hundes, vor allem aber die Moeglichkeiten seiner aerztlichen Versorgung wesentlich geringer. Jedenfalls war hier dem Hund nicht zu helfen und so blieb nur die Option ihn einzuschlaefern. Aber auch das ist hier nicht so einfach.<\/p>\n<p>Der Tierarzt hatte kein entsprechendes Mittel da. Also ist er mit Kleinbussen bis nach Peru gefahren, um welches zu kaufen. Ich bin derweil beim Hund geblieben, habe ihn beruhigt, gestreichelt und bei Bedarf Wasser gegeben. Die Ordenschwestern haben sich wieder auf ihren Weg gemacht, allerdings nicht ohne mir vorher zu versichern, dass ich ein guter Mensch\u00c2\u00a0sei und dass der Hund mich bestimmt an der Himmelspforte begruessen wuerde, wenn ich dereinst einmal sterben wuerde.<\/p>\n<p>Nach 1,5h war der Tierarzt zurueck und der Hund bekam die Injektion. Eigentlich war es uebrigens eine Huendin. Und sie war sogar schwanger, wie der Tierarzt mir erklaerte. Normalerweise stirbt ein Hund innerhalb von 30min nach der Injektion, aber sie hatte eine starke Kondition und blieb unbeachtet einsetztender leichter (Atem)laehmungen am\u00c2\u00a0Leben. Nach 30min bekam sie eine zweite Dosis, aber auch die reichte nicht aus. Ich habe mich derweil die ganze Zeit ueber um den Hund gekuemmert. (Wahrscheinlich hat sie als Strassenhuendin im ganzen Leben nicht so viele Streicheleinheiten bekommen wie in den Stunden nach dem Unfall.)<\/p>\n<p>Jetzt standen wir vor dem Problem, dass das Einschlaeferungsmittel alle war und es zu spaet war, als dass der Tierarzt in Peru haette mehr kaufen koennen. Ich habe uebrigens immer wieder gefragt, ob man dem Hund nicht doch irgendwie so helfen koennte, dass er am Leben bleibt, aber da war nichts zu machen. Als naechstes hat der Tierarzt versucht, ihr oral ein Gift zu verabreichen. Warum er es nicht zuerst damit versucht hatte, weiss ich nicht. Wie dem auch sei, sie hat das aber ohnehin wieder ausgespuckt\/gewuergt.<\/p>\n<p>Ich habe dann den Sohn des Tierarzts mit dem Fahrrad losgeschickt, Fleisch zu kaufen, in der Hoffnung, die Huendin wuerde es vielleicht essen und wir koennten ihr das oral einzunehmende Gift so verabreichen. Aber &#8211; kein Wunder in ihrer Verfassung &#8211; sie frass nichts.<\/p>\n<p>Wirklich helfen ging also nicht, die Medikamente zum Einschlaefern waren alle, und den Hund einfach so langsam und Elend sterben zu lassen kam fuer mich auch nicht in Frage.<\/p>\n<p>Der Tierarzt erklaerte mir die letzte Alternative. Normalerweise werden Tiere hier nicht eingeschlaefert, da das fuer die Bolivianer zu teuer ist. Statt dessen werden sie mit einerm Strick erwuergt. So grauslich das auch ist, immerhin geht es schneller als mit einer offenen Wunde langsam zu verenden. Der Tierarzt\u00c2\u00a0konnte\/wollte\/was-auch-immer es nicht selbst tun (und ich auch nicht), aber er sagte, es gaebe im Ort einen einzigen Mann, der das machen wuerde. Der kaeme aber erst abends wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Bis dahin habe ich, glaube ich, alles so richtig gemacht, wie ich konnte, aber nun habe ich einen Fehler gemacht. Der Tierarzt musste noch zu einem anderen Patienten und die Familie wollte mich wohl nicht die ganze Zeit im Hof haben. Ich habe mich also darauf eingelassen, in einer Stunde wieder zu kommen. Der Tierarzt waere dann wieder zurueck und wuerde dann besagten Mann suchen, der bald darauf wieder zurueck in der Stadt sein muesste.<\/p>\n<p>Gluecklich war ich damit nicht, da ich dem armen Hund wenigstens die letzten schlimmen Stunden so &#8220;angenehm&#8221; wie moeglich machen wollte. Er hatte inzwischen eine Art Bindung zu mir, da ich mich inzwischen ueber dreieinhalb Stunden durchgehend um ihn gekuemmert und ihn gestreichelt hatte, und ich glaube er war dankbar fuer den Beistand und die Zuwendung (dem einen oder anderen ist das\u00c2\u00a0jetzt vielleicht etwas zu menschlich ausgedrueckt, aber ich denke es trifft es ganz gut). Trotzdem kam ich der Aufforderung nach und ging.<\/p>\n<p>Als ich nach einer Stunde zurueck kam, war die Huendin tot. 20 Minuten nachdem ich gegangen war, ist sie noch ein paar Schritte gehumpelt und dann hat das Einschlaeferungsmittel doch noch gewirkt (oder war es der Blutverlust?) und sie ist gestorben. Der Tierarzt und seine Familie hat sich mit Sicherheit nicht gross\u00c2\u00a0um sie gekuemmert, wahrend sie starb. Waere ich doch wenigstens dageblieben, haette ich ihr zumindest die letzten Minuten beistehen koennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute muss ich mir erst mal den Frust von der Seele schreiben. Ueber die Zeit zwischen Coroico und Copacabana werde ich ein anderes Mal berichten. 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